HU Berlin Institut für deutsche Sprache und Linguistik
Lehrstuhl für Computerlinguistik

Jürgen Kunze
MORPHOLOGIE

4. Die deutsche Derivationsmorphologie im Überblick


4.2. Ableitung und Bedeutung

Man kann die verschiedenen Derivationen danach unterscheiden, in welchem Maße sie eine semantische Regularität aufweisen. Das net/pocket/can-Beispiel ist eines mit sehr hoher Regularität, da es eine einheitliche Paraphrase gibt, die für alle betreffenden Lexeme gilt (diese sind allerdings auch stark eingeschränkt). Andererseits gibt es Derivationen, bei denen entweder keine einheitlichen oder gar keine Paraphrasen existieren.

Beispiel:
- Das Verbpräfix ver- realisiert ganz unterschiedliche Bedeutungmodifikationen des Basisverbs 'BV':
verschreiben, verfüttern, vergraben, ...;
(durch 'BV' etwas zum Verschwinden bringen)
sich verschreiben, verlaufen, verhören, ...;
('BV' falsch machen)
verschreiben, verordnen, versprechen, ...;
(durch 'BV' jemandem etwas zukommen lassen)
Wie ordnet man verheiraten, verlieben, vergeben, verstummen, verhallen, ... ein? Die angegebenen Paraphrasen sind provisorisch.


Das ver-Durcheinander hat auch eine historische Ursache: Hinter dem Präfix ver- verbergen sich drei ursprüngliche Präfixe, die durch Lautentwicklung zusammengefallen sind.

Weitere Beispiele mit unklaren Bedeutungsmodifikationen bei Produktivität und Blockierung sowie Regularität der Bedeutung.

Eine Derivation kann also mit unterschiedlichen Bedeutungsmodifikationen verbunden sein. Umgekehrt gibt es auch verschiedene Derivationen, die gleiche Modifikationen realisieren.
Beispiele:
-
Die Negationspräfixe un-, in- (mit den Allomorphen im-, ir-, il-) realisieren bei Basisadjektiven die gleiche Modifikation: unmöglich, indiskutabel, immobil, irreduzibel, illegal.
-
Die Suffixe -bar, -lich, -sam, -abel (mit dem Allomorph -ibel) realisieren bei transitiven Basisverben die gleiche Modifikation: eßbar, erträglich, unbeugsam, diskutabel, irreduzibel.
-
Für die gleichen Suffixe entsteht eine analoge Modifikation auch bei intransitiven Basisverben: haltbar, schädlich, unterhaltsam, rentabel.
-
Die Suffixe -er, -or, -eur, -ant, -ent,
-
ist realisieren für Basisverben die gleiche Modifikation (nomen agentis): Reiter, Agitator, Hypnotiseur, Repräsentant, Dirigent, Komponist.

Es ist daher adäquat, durch eine Kombination von morphologischer und semantischer Charakterisierung gewisse Ableitungstypen zu definieren, wobei die semantische Regularität auch fehlen kann. Eine solche Vorgehensweise hat den Vorteil, daß man bei Mehrfachableitungen zu einer systematischen Darstellung der kombinierten Modifikationen gelangt (↑Wurzel, Basis und Stamm).

Einen Ableitungstyp kann man durch drei Komponenten beschreiben:
1. Angabe der morphologischen Veränderungen, wobei eine Zusammenfassung vorgenommen werden kann.
2. Angabe der Bedingungen für die Anwendung des Typs.
3. Angabe der semantischen Modifikationen mit Veränderungen der Wortklasse usw.

Im Lexikon muß bei jedem Lexem angegeben werden (soweit keine allgemeineren Regeln gelten), welche Typen mit welcher morphologischen Realisierung gemäß 1. auf das Lexem anwendbar sind. Für bereits abgeleitete Lexeme trifft grundsätzlich dasselbe zu, wobei dann aber in stärkerem Maße Regeln anwendbar sind (eine Ableitung mit -bar nach T2 selegiert z.B. immer -keit bei T4).

Mit dem folgenden Miniatur-Ableitungssystem lassen sich die angegeben Beispiele analysieren und Paraphrasen gewinnen.

T1:
1. 
Präfigierung mit ver-.
2. 
Basis: V
Die Bedingungen sind idiosynkratisch.
3. 
3. Derivat: V
Eine einheitliche semantische Modifikation ist nicht gegeben.
Weitere Beispiele: verdauen, vernehmen.
Dieser Typ ist nur dazu geeignet, eine Segmentierung anzuzeigen. Er kann durch äquivalente Angaben im Lexikon eliminiert werden.

T5:
1. 
Präfigierung mit ver-, er-, be- sowie Nullableitung.
2. 
Basis: A (Pos. und Komp.)
Die Bedingungen sind idiosynkratisch.
3. 
Derivat: trans. V
Modifikation: definierbar durch die Transformations-Paraphrase
XNom V YAkk = XNom macht YAkk A
Daraus ergeben sich Paraphrasen für die anderen Formen (Partizipien etc.)

Weitere Beispiele: verkleinern, erklären, erweitern, befreien, weißen, klären.

T2:
1. 
Suffigierung mit -bar, -lich, -sam,
-abel/-ibel.
2. 
Basis: trans. V
Die Bedingungen sind eingeschränkt regelhaft.
3. 
Derivat: A
Modifikation: definierbar durch die Transformations-Paraphrasen
XNom ist A = XNom kann ge-V-t werden
XNom ist A = man kann XAkk V
XNom ist A = es ist möglich, XAkk zu V
Auch hier sind weitere Paraphrasen notwendig, etwa für den attributiven Gebrauch.

Weitere Beispiele: s.o.

T3:
1. 
Präfigierung mit un-, in-/im-/il-/ir-.
2. 
Basis: A1
Die Bedingungen sind eingeschränkt regelhaft.
3. 
Derivat: A2
Modifikation: Negation, auch durch Paraphrasen erfaßbar:
XNom ist A2 = XNom ist nicht A1
Weitere Paraphrasen analog zu T2.

Weitere Beispiele: s.o.


T4:
1. 
Suffigierung mit -keit/-heit, -ität,
-schaft, -enz/-anz.
2. 
Basis: A
Die Bedingungen sind eingeschränkt regelhaft.
3. 
Derivat: N
Modifikation: durch eine semantische Paraphrase 'N ist die Eigenschaft, A zu sein', ... .

Die Paraphrasen lassen sich kombinieren und ergeben z.B. für die erste Ableitung etwa folgenden Ausdruck:
die Unverständlichkeit seines Handelns =
daß man sein Handeln nicht verstehen kann/
daß es nicht möglich ist, sein Handeln zu verstehen/...

Dabei müssen zusätzliche Schritte für den syntaktischen Kontext durchlaufen werden:
ihre Schönheit = daß sie schön ist
seine großen Fähigkeiten ?= daß er sehr fähig ist

Insgesamt stellen diese Paraphrasen nur ein beschränktes Hilfsmittel dar, für praktische Zwecke, etwa maschinelle Übersetzung, ist ihr Wert umstritten.
Unterstreichung: eventuelle Segmentierung ignoriert.

[T4[T3Un[T2[T1ver[ständ]1]lich2]3]keit4]

[T3un[T2[T5ver[besser]5]lich2]3]

[T5be[feucht]5]

[T5er[möglich]5]

[T4[T3Un[T2[wäg]bar2]3]keit4]

[T4[T3In[T2[akzept]abil2]3]ität4]

[T4[Brutal]ität4]

[T4[T3Il[legal]3]ität4]

[T4[T3Un[schön]3]heit4]

[T4[T3In[kompet]3]enz4]
(Segmentierung so angenommen: Äquivalenz, Relevanz,...)

[T4[Bereit]schaft4]

[T4[Fähig]keit4]